Das Wort des Jahres 2020 in Portugal ist … ???????.
Das als nicht übersetzbar geltende Wort ist genuin für die portugiesische Sprache. Der Literaturkritiker, Lyriker und Schriftsteller Peter Hamm meinte, dem Inhalt des Wortes werde als deutsche Entsprechung am ehesten „Unglückseligkeit“ gerecht. Gefühle wie Sehnsucht, Nostalgie, Fernweh, Traurigkeit, Melancholie, Sehnsucht oder Wehmut werden in dem Begriff der ‘saudade‘ zusammengefasst, der entsprechend häufig in der Alltagssprache ebenso wie in der Poesie und in der Musik vorkommt.
Auch Fernando Pessoa, der nicht nur Dichter war, sondern als Mitarbeiter eines Handelskontors die fremdsprachliche Korrespondenz bearbeitete, hat für das Wort nur eine Erklärung gefunden:
 
 
“Saudades, só portugueses     
conseguem senti-las bem.
Porque têm essa palavra
para dizer que as têm.”
 
(Saudades – nur Portugiesen
können sie wirklich fühlen.
Weil sie dieses Wort haben,
um zu sagen, wer das Gefühl besitzt)
 
Der Begriff fand (als eines von drei portugiesischen Wörtern) Aufnahme in eine Vokabelsammlung unter dem Titel “Das schönste ABC der Welt”
Die Wahl des Wortes des Jahres ist eine Initiative des Verlagshauses ‘Porto Editora’ und wurde 2009 erstmals umgesetzt. Die Herausgeber möchten den lexikalischen Reichtum und die kreative Dynamik der portugiesischen Sprache verdeutlichen und dabei den Sinn der Wörter in der individuellen und sozialen Gegenwart der Sprecher betonen, Wörter, mit denen die Menschen das Leben selbst interpretieren und gestalten.
 
Die Liste der Wörter, die in Frage kommen, ist das Ergebnis der ständigen Beobachtung der portugiesischen Sprache in schriftlichen und mündlichen Alltag des Landes und einer Analyse der Häufigkeit und Verteilung der Verwendung von Wörtern. Auch von Bürgern eingesandte Vorschläge werden berücksichtigt.
 
Die Abstimmung findet jedes Jahr in den letzten Wochen des jeweiligen Jahres online statt (www.palavradoano.pt). Zur Auswahl standen diesmal neben ‘saudade’ auch ‘confinamento’ (der in Portugal benutzte Begriff für Abstandsregelungen und Ausgangsbegrenzungen), ‘COVID-19’, ‘digitalização’, ‘discriminação’, ‘infodemia’ (svw. Informationsflut, pandemische Verrbreitung von Informationen oder was manche dafür halten), ‘pandemia’, ‘sem-abrigo’ (Obdachloser), ‘telescola’ (homeschooling via Schulfernsehen) und ‘zaragatoa’ – ein Wort mit mehreren Bedeutungen: Einmal ist es der Name einer Pflanze (ein Wegerich-Gewächs), zum Zweiten die aus dieser Pflanze hergestellte Tinktur, schließlich aber auch (und das ist hier gemeint) das extra-lange Wattestäbchen für den Corona-Test, wohl abgeleitet von der Form des Pflanzenstengels.
 
Text: Henrietta Bilawer