Drucken

Das Museum von Portimão  𝑧𝑒𝑖𝑔𝑡 𝑎𝑏 𝑑𝑒𝑚 15.𝑀𝑎𝑖 𝑑𝑖𝑒 𝐴𝑢𝑠𝑠𝑡𝑒𝑙𝑙𝑢𝑛𝑔 “𝑆𝑜𝑚𝑜𝑠 𝑡𝑜𝑑𝑎𝑠 𝑎𝑠 𝐶𝑜𝑟𝑒𝑠” 𝑚𝑖𝑡 𝑊𝑒𝑟𝑘𝑒𝑛 𝑑𝑒𝑠 Hamburger 𝐵𝑖𝑙𝑑ℎ𝑎𝑢𝑒𝑟𝑠 𝑢𝑛𝑑 𝐾𝑒𝑟𝑎𝑚𝑖𝑘-𝐾𝑢̈𝑛𝑠𝑡𝑙𝑒𝑟𝑠 𝐻𝑒𝑖𝑛 𝑆𝑒𝑚𝑘𝑒, 𝑑𝑒𝑟 𝑣𝑖𝑒𝑙𝑒 𝐽𝑎ℎ𝑟𝑒 𝑖𝑛 𝑃𝑜𝑟𝑡𝑢𝑔𝑎𝑙, 𝑢𝑛𝑡𝑒𝑟 𝑎𝑛𝑑𝑒𝑟𝑒𝑚 𝑖𝑛 Lissabon und 𝑃𝑟𝑎𝑖𝑎 𝑑𝑎 𝑅𝑜𝑐ℎ𝑎 𝑔𝑒𝑙𝑒𝑏𝑡 ℎ𝑎𝑡. PHG Mitglieder hatten, noch zu Lebzeiten des Künstlers, direkten Kontakt zu ihm und schon 2004 wurde mit der Portugal-Post No. 28 eine ganze Ausgabe diesem besonderen Künstler gewidmet.

 

 

𝐷𝑎𝑧𝑢 passt der Text der Journalistin Henrietta Bilawer über den Künstler, den sie vor einiger Zeit verfasst hat: 

Chelas war kein vorteilhafter Ort für jemand, der ankommt, um Portugal kennenzulernen. Armut und Perspektivlosigkeit, Folgen der Landflucht hin zu den industriell geprägten Verheißungen der wachsenden Großstadt bestimmten vor hundert Jahren das Leben der Menschen in diesem tristen Außenbezirk von Lissabon, der kaum mehr war als ein Nachtasyl für Lohnarbeiter der Hauptstadt. Hein Semke kam 1929 hierher und hatte zu dem Zeitpunkt bereits dreißig Lebensjahre auf eine Weise verbracht, im Vergleich zu denen sein neuer Arbeitsplatz in einer Strickwarenfabrik in Chelas zwar keine Oase, aber wohl ein sicherer Hafen auf der Reise zu sich selbst war.

Als sechstes von acht Kindern 1899 in Hamburg geboren, wurde Hein Semke früh Vollwaise und kam in ein Heim, in dem die Erziehung militärischem Drill gleichkam; Widerspruch wurde bestraft. So kam der Junge in den Karzer, weil er bei der Essensausgabe eine Mahlzeit an hungrige Gefährten verteilt hatte, die eigentlich für den Heimaufseher bestimmt war. Vielleicht verfing auf dem Hintergrund dieser unbarmherzigen, seelenlosen Jugend die Propaganda, es sei „süß und ehrenvoll, für das Vaterland zu sterben“, die zu Beginn des Ersten Weltkriegs verbreitet war. Wie so viele junge Männer meldete sich auch Semke als Freiwilliger an die Front.
Angesichts des Wahnsinns der Realität verkehrte sich die Kriegseuphorie jedoch rasch ins Gegenteil: Hein Semke kehrte als Pazifist zurück und als einer, der sich politisch einmischte, mit aktiver Sympathie für Anarchosyndikalisten, was ihm 1919 mehrere Jahre Zuchthaus einbringen sollte. Später arbeitete Semke im Ruhrgebiet in einer Mine und am Hochofen. Der tödliche Arbeitsunfall eines Kollegen, der niemanden zu interessieren schien, desillusionierte ihn.

Das Leben formte seine Auffassung dessen, was Kunst ausmache: Sie habe nichts zu tun mit „Empfindsamkeit/ Zartheit/Feingefühl (delicadeza) oder Liebenswürdigkeiten“, sie dürfe den Steinen des Anstoßes nicht ausweichen: „Kunst fordert die totale Abwesenheit von Kompromissen“, notierte Hein Semke im Jahr 1931.
Zu jener Zeit war er aus Portugal in seine Heimatstadt zurückgekehrt, psychisch und physisch ausgebrannt. Er hatte einen Nervenzusammenbruch erlitten. Eine befreundete Krankenschwester riet ihm, sein Interesse an bildender Kunst zum Instrument zu machen um Krankheit und Krieg zu verarbeiten. Hein Semke bewunderte Barlach und Brecht und begann, Bildhauerei und angewandte Keramik zu studieren.

Doch seine angegriffene Gesundheit und auch das Erstarken rechtsextremer Kräfte in der Endphase der Weimarer Republik zwangen ihn, das Studium aufzugeben und das Land zu verlassen. 1932 Semke kehrte zurück an den Tejo und fand ein neues Zuhause in dem kleinen Ort Linda-a-Pastora nordwestlich von Lissabon. Mit Ausnahme seiner Teilnahme am spanischen Bürgerkrieg hatte Semke bis zu seinem Tode im Jahr 1995 mehr als sechs Jahrzehnte lang seinen offiziellen Wohnsitz in Lissabon. Doch er verbrachte einen beträchtlichen Teil dieser Jahre auch in der Algarve, in seinem Domizil in Praia da Rocha.

Hier ist der „hochgewachsene, hagere Mann mit dem ernsten Gesicht, der menschenscheu, aber immer freundlich zu uns Kindern war“, nicht vergessen, erinnert sich die Journalistin Elisabete Rodrigues an Begegnungen in Portimão mit dem deutschen Künstler, der „auffiel als Ausländer und etwas Exotisches hatte.“ Und José Gameiro hatte als Kunststudent sowohl in Lissabon als auch in Portimão oft Gelegenheit, Hein Semke im Atelier zu besuchen und ihm zur Hand zu gehen. Heute ist Gameiro Direktor des städtischen Museums in Portimão und damit Wächter über den größten Teil des Nachlasses Hein Semkes: Seine Witwe Teresa Balté hat die Werke ihres Mannes dem mehrfach preisgekrönten Museum am Arade-Fluss als Schenkung übergeben.

Zwischenzeitlich war das auf internationale moderne Kunst ausgerichtete Lehmbruck-Museum in Duisburg als Empfänger des umfangreichen Werks im Gespräch, doch da das Meer Hein Semke zu einem bedeutenden Teil seiner Arbeit inspirierte, ist „sein Werk heimgekehrt, dorthin, wo es seinen Ursprung hat“, so Museumsleiter Gameiro erfreut. Etwa 360 Skulpturen, Zeichnungen, Aquarelle und Ölgemälde sowie Gravuren, auch Arbeitsutensilien, Manuskripte und ein reicher Schatz an Keramiken sind im Besitz des Museu de Portimão, das bereits einen ersten Querschnitt durch das Schaffen unter dem Titel „Todos nós somos peixes – Wir sind alle Fische“ gezeigt hat.

Fische tragen bei Semke ein Triptychon an Bedeutungen in sich, sagte seine Witwe Teresa Balté: „Zunächst waren die Meeresbewohner eine starke Quelle der Inspiration für Semke, des Weiteren ein Element des Göttlichen, das schon in vorchristlicher Zeit Symbolkraft hatte. Schließlich können Fische im Wortsinne Fabel-haft menschliche Eigenschaften und Züge zeigen und Zeit- und Sozialkritik vermitteln.“
Neben Leid und Schuld, Obsession und Gewalt, thematisierte Semke auch Gnade und Erlösung, seine Themen sind ebenso die Frau und die Natur. In deutlich skizzierender Weise präsentiert Semke sein Menschenbild als Ergebnis feiner Beobachtung; seine Kritik ist nie verletzend oder verurteilend.

Semke nutzte viele Darstellungsformen, auch die Wortkunst, was seine Tagebuch-Aufzeichnungen belegen. Semkes Eintragungen zeichnen sich durch schonungslose Offenheit auch sich selbst und seinem Schaffen gegenüber aus. Auch die Kunst der anderen fand seine Aufmerksamkeit, wie eine Notiz zeigt: „Am gestrigen Abend gingen wir in ein Klavierkonzert. Nachdem die Mondscheinsonate durch die Solistin ermordet worden war, flohen wir aus dem Konzertsaal und gingen einige Häuser weiter ins Coliseu und sahen wieder einmal Catch as catch can-Kämpfe. Ich empfand das Aufeinanderprallen gemeiner Kraft weniger unangenehm als das Ermorden guter Musik durch eine Noch-nicht-Könnerin.“

Semkes Gesamtwerk ist ein Zeitzeugnis: In Deutschland verfemte das Naziregime seine Kunst und auch in Portugals faschistischem System stieß er auf er Widerstand und Unverständnis. Dennoch, so berichtet seine Witwe, „richtete er sein Leben am Guten und Klaren, am Humor und an der Hoffnung aus“, obwohl er manche gesellschaftliche und künstlerische Prüfung erlitt.
So hatte Semke 1933 den Auftrag erhalten, für den Garten der evangelischen Kirchengemeinde in Lissabon ein Ehrenmal für gefallene deutsche Soldaten zu gestalten. Es entstand eine Dreiergruppe, die ausdrucksstärkste Figur ist wohl die ‘Camaradagem na derrota’ (Kameradschaft im Untergang), deren Ausdruck von Schmerz und Trauer der immer mächtiger werdenden NSDAP-Auslandsorganisation nicht heroisch genug war.

Portugiesische Zeitungen hatten bereits über die Arbeit des jungen deutschen Bildhauers berichtet, als die Lissabonner NSDAP-Ortsgruppe beim Erntedankfest 1935 Semkes Werke als „entartet“ deklarierte. Sie wurden entfernt, zwei Skulpturen später erneut aufgestellt, doch die ‘Kameraden’ blieben verschollen. Nach 1936 hat Semke wohl unter dem Eindruck der Ereignisse nie wieder Großplastiken erschaffen.
Das Leben in Portugal wurde für ihn auch in anderer Hinsicht schwieriger: Ein Gesetz zum Schutz nationaler Künstler verbot ab 1941, dass Ausländer Aufträge erhielten.

Sein Gesamtwerk galt in Portugal lange als düster und mystisch, es hat im Kontext der portugiesischen Kunst des frühen 20. Jahrhundert expressionistische Züge, nimmt aber auch religiös-naive Ausprägungen auf wie sie von den mittelalterlichen Steinplastiken Portugals bekannt sind. Das machte Hein Semke zu einem anerkanntene Erneuerer der portugiesischen Kunstkeramik, dabei vereinfacht er Flächen und Formen bis zur Reduktion auf das Wesentliche. Kurz bevor ihn eine Silikose zur Aufgabe der Keramikkunst zwang, schuf er 1962 ein 13 Meter langes Wandbild für das Hotel da Baleeira in Sagres, das dort späteren Umbauarbeiten zum Opfer fiel.

In seiner Wahlheimat Portugal gehörte er zum Freundeskreis namhafter Künstler und Intellektueller, unter ihnen Almada Negreiros, Mário Eloy, Maria Helena Vieira da Silva und Arpad Szenes. 1990 verlieh ihm der damalige portugiesische Staatspräsident Mário Soares den Verdienstorden des Landes. Semkes Werke wurden in über vierzig Einzel- und und siebzig Gemeinschaftsausstellungen gezeigt, sie befinden sich in bedeutenden Kulturstätten, unter anderem in der Nationalbibliothek, im Museu Nacional do Azulejo, im Museu do Chiado und in den Sälen der Gulbenkian-Stiftung. In Lissabon wurde im Stadtviertel Alto do Lumiar im Norden der Hauptstadt eine Straße nach Heim Semke benannt.

In Deutschland ist sein Werk bis heute praktisch unbekannt. Doch „mit dem Schatz, den wir nun haben, ehren wir sein Gedenken durch viele weitere Ausstellungen in der Zukunft“, verspricht Museumsdirektor José Gameiro, und: „Es kommen ja auch viele deutsche Kunstliebhaber zu uns.“

Die ab 15. Mai in Portimão gezeigten Werke Semkes – Malerei, Zeichnung, Skulpturen, Holzschnitte und Drucke – sind in den Jahren 1963 bis 1976 in Portugal entstanden.

Text und Bild: Henrietta Bilawer/Facebook