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Jorge Fernando Branco de Sampaio wurde am 18. September 1939 in Lissabon geboren und starb heute, am 10.9.21 im Alter von 81 Jahren. Jorge Sampaio wurde in einer liberalen Mittelstandsfamilie in Lissabon geboren. Als Kind lebte er mit seinen Eltern in den Vereinigten Staaten, wo sein Vater öffentliches Gesundheitswesen studierte. Sampaio verbrachte auch einige Jahre in England. Er studierte Jura an der Universität Lissabon, und in den 1960er Jahren erlangte er als Anwalt und Verteidiger politischer Gefangener des faschistischen Regimes von Antonio Salazar große Bekanntheit. In seiner Jugend spielte er als Generalsekretär der RIA (Inter-Associations Meeting) eine sehr wichtige Rolle in der Studentenvereinigungsbewegung zum Widerstand gegen die Diktatur, insbesondere in der akademischen Krise von 1962.



Foto: Wikipedia - Jorge Sampaio


Nach seinem Abschluss in Rechtswissenschaften an der Universidade Clássica de Lisboa entwickelte er eine Karriere als Anwalt, mit großer Bekanntheit
als Vertreter für politische Gefangene und verteidigte „pro bono“ Dutzende von Aktivisten, Demokraten und anderen antifaschistischen Widerstandskämpfern
vor dem Plenargericht der Diktatur. 
1969 war er einer der Kandidaten der Demokratischen Wahlkommission (CDE) für die Wahlen zur Nationalversammlung, nachdem er bis 1974 in sozialistischen Bewegungen eine intensive Opposition gegen die Diktatur vorantrieb.

Nach der Nelkenrevolution war er einer der Gründer der Bewegung der Sozialistischen Linken (MES) und wurde zum Staatssekretär für externe Zusammenarbeit
in der IV. Provisorischen Regierung ernannt. Ein Jahr später gründete er die „Sozialistische Intervention“ und trat 1978 der Sozialistischen Partei bei.
Er war Mitglied der Europäischen Kommission für Menschenrechte im Europarat und 1989 zum Generalsekretär der PS gewählt. Präsident der Stadtverwaltung von Lissabon zwischen 1989 und 1993 und Präsident der Republik von 1996 bis 2006. Jorge Sampaio wurde mit mehreren nationalen und internationalen Preisen ausgezeichnet, zuletzt mit dem Nelson Mandela Preis, der 2015 von der UN vergeben wurde.

Nach einer ersten Amtszeit als Präsident mit wenigen politischen Ereignissen, wurde die Zeit nach seiner Wiederwahl 2001 umso turbulenter und verdeutlichte unter anderem die Macht des Präsidenten in seinem Amt, das bis dahin als hauptsächlich repräsentativ wahrgenommen wurde: 2005 nutzte er seine verfassungsmäßigen Befugnisse zur Auflösung des Parlaments und zur Absetzung einer Regierung, die zwar eine Mehrheitsregierung war, allerdings politisch instabil.
 
Dieser Akt gilt heute als wichtiger Bestandteil der nationalen Geschichte – mit Vorgeschichte: Angesichts des steigenden Haushalts-Defizits und drohender Rezession hatte die sozialistische Partei im Jahr 2002 eine vorgezogene Parlamentswahl gegen eine Mitte-Rechts-Koalition aus Sozialdemokraten und Volkspartei verloren. Zwei Jahre später entschied sich der Kopf dieser Koalition, José Manuel Durão Barroso, ziemlich kurzfristig, das Amt des Chefs der Europäischen Kommission zu übernehmen, was heftige Proteste im politischen Spektrum auslöste. Im Versuch, politische Stabilität zu gewährleisten, ernannte Staatspräsident Sampaio einen anderen Sozialdemokraten, Pedro Santana Lopes, zum Ministerpräsidenten. Santana Lopes war dem Amt nicht gewachsen, sodass dem neuen Kabinett nur vier Monate später die politische Glaubwürdigkeit und die Handlungsfähigkeit abhanden gekommen war.
 
Jorge Sampaio sagte dazu später gegenüber seinem Biografen José Pedro Castanheira, er habe "die Nase voll von Santana Lopes als Premierminister, der das Land ins Trudeln brachte". Daher nutzte Sampaio seine präsidialen Befugnisse, die in Portugal oft als "Atombombe" bezeichnet werden, um das Parlament aufzulösen und für Februar 2005 Neuwahlen anzusetzen. Sampaio war bis heute der einzige Präsident, der jemals von dieser Amtsmacht Gebrauch machte, eine Regierung trotz parlamentarischer Mehrheit aufzulösen. 
 
Er hat sich insbesondere in Hinblick auf die Unabhängigkeit von Ost-Timor als Präsident verdient gemacht. Ein Demokrat, Humanist immer weit entfernt von den Seilschaften der Korruption in Portugal.  "Jorge Sampaio wurde als Kämpfer geboren und ausgebildet, und sein Kampf hatte ein Ziel: Freiheit und Gleichheit", sagte der heutige Präsident Marcelo Rebelo de Sousa in einer im Fernsehen übertragenen Ansprache an die Nation anlässlich des Todes von Sampaio. Sampaios Kampf für das Ende der portugiesischen Diktatur 1974, für die Unabhängigkeit der ehemaligen Kolonie Osttimor und für die Rechte von Flüchtlingen hervor. "Er hat bewiesen, dass man privilegiert geboren, trotzdem sein Leben der Hilfe für die Unterprivilegierten widmen kann”, so Marcelo Rebelo de Sousa.
  
 Sampaio war ein leidenschaftlicher Anhänger des Fußballklubs Sporting Lissabon. Er starb acht Tage vor seinem 82. Geburtstag nach kurzer Krankheit.


 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Foto: Jorge Sampaio mit Pereira de Moura, Zenha und Francisco Sousa Tavares im Caxias Gefängnis,
um nach dem 25. April politische Gefangene freizulassen.